Vortrag 2010 in Alpbach

Ich soll hier einige historische Punkte zum Urheberrecht darstellen und werde deshalb zwei Jahrhunderte zurückgehen, in die Zeit, als in Deutschland kein Urheberrecht gab – im Gegensatz zu der damals reichsten Nation Europas, Großbritannien. Es geht um um die ökonomische Theorie von den Vorteilen des geistigen Eigentums. Diese Theorie stellt folgende Behauptung auf: Mehr geistiges Eigentum führt zu mehr Geld für die Urheber und damit zu mehr neuen Werke. Oder umgekehrt: Wenn es kein geistiges Eigentum gibt, droht geradezu der Untergang der abendländischen Kultur, weil nichts Neues mehr geschaffen wird. Nicht ganz so drastisch formuliert: Wir wären auf dasjenige beschränkt, was sich durch Werbung finanzieren lässt.

Wenn heutzutage über das Urheberrecht gestritten wird, verkehrt sich aber diese Zweck-Mittel-Relation in ihr Gegenteil. Aus urheberrechtlicher Sicht ist der Zweck nämlich das Geldverdienen; das Mittel hierzu sind die urheberrechtlichen Werke. Für den Urheberrechtler ist es dementsprechend auch weitgehend belanglos, ob er es mit einem Cellokonzert von Schostakowitsch oder einer stumpfsinnigen Pornographieproduktion zu tun hat. Dies wird zwar oft in Abrede gestellt, aber dass alle den machtlosen Künstler schützen wollen, da er die Welt um so schöne und zugleich zweckfreie Dinge bereichert, dass den Urhebern ein angemessenes Honorar gebührt, darüber ist schnell Einigkeit erzielt – gestritten wird dann doch um das Geld.

Das Urheberrecht hat sich – anders als die insoweit irreführende Bezeichnung vermuten lässt – stets in Kämpfen zwischen gewerblichen Unternehmern ausgebildet. Eine Gruppe oder einzelne Unternehmen monopolisieren die mit den nachgefragten Gütern zusammenhängenden ökonomischen Chancen. An den durch das Monopol erhöhten Gewinnen wollen andere Unternehmen teilhaben und bekämpfen deshalb das exklusive Recht. Diese Kämpfe führten zu eigenartigen Situation, dass vor allem die Verleger als die Fürsprecher der Urheber und für deren Rechte auftreten, obwohl sie diesen möglichst wenig bezahlen wollen und in den typischen Verträgen mit den Urhebern deren Rechte soweit, wie es die Rechtslage erlaubt, an sich ziehen. Auf der anderen Seite standen früher die Nachdrucker oder heute beispielsweise, als Sinnbild für den modernen Nachdrucker, Google Books. Das ist keine neuartige Entwicklung. Erst in jüngster Zeit – durch die digitale Technik und die Möglichkeiten des Internets – sind auch Private als unmittelbare Konkurrenz in Erscheinung getreten; und erst das Auftreten des Verbrauchers scheint für die großer Verwirrung zu sorgen, weil die Rechtsinhaber auch die Verbraucher als ihr Monopol störende Konkurrenten behandeln. Sie wollen diese wieder in deren ursprüngliche Position als zahlende Konsumenten zurückdrängen.

Das Urheberrecht ist ein Instrument der Marktwirtschaft und hier gelten eigene Regeln: Prozesse und Wechselwirkungen sind kompliziert und überlagern sich. Märkte sind auf längere Frist erbarmungslos beim Aufdecken von Schwächen, und sie entwickeln sich nicht zwingend so, wie man es vorhersagt oder wie eine gemeinhin als gültig angenommene Theorie es einen erwarten lässt. Deshalb habe ich versucht, die Wirkung des Urheberrechts zu ermitteln, indem ich eine längerfristige Entwicklung zweier Systeme, eines mit und eines ohne Urheberrecht, gegenübergestellt habe, nämlich einmal Deutschland, genauer das HRR und den Deutschen Bund, was jeweils Österreich einschließt, und Großbritannien. In Großbritannien gilt das Copyright mit dem Autor als ursprünglichem Rechtsinhaber seit 1710. In Deutschland gab es erst ab ungefähr 1840 ein wirksames Urheberrecht.

Beginnen möchte ich mit dem English Short Title Catalogue, der eine unvollständige Sammlung der erschienen Druckwerke, also beispielsweise auch Werbeblätter oder Ankündigungen zu Kirchenfesten, darstellt (der ESTC erfasst alle Druckwerke mit Ausnahme der Zeitungen, also auch Einladungen zu kirchlichen Veranstaltungen oder beispielsweise Formulare für die Musterung von Soldaten. So taucht beispielsweise in dem Katalog ein Herr Christie allein mit 619 Veröffentlichungen auf. Er war aber kein besonders eifriger Autor, sondern Inhaber des Auktionshauses Christie’s; die Druckwerke waren Auktionskataloge).

Wir können bei dieser Kurve einerseits ein stetiges Ansteigen, andererseits einige Spitzendaten feststellen. Man kann erkennen, wie die Nutzung des Drucks sich immer weiter verbreitete und selbstverständlicher wurde. Dies wird auf den ersten Blick bestätigt durch die Zahl der in jedem Jahr neu erschienenen Romane und anderer belletristischer Werke. Was allerdings auch auffällt: Das Jahr 1710 stellt keine besondere Marke dar. Das damals in Kraft getretene Copyright-Gesetz hatte keinen erkennbaren Einfluss. Das mag aber auch daran gelegen haben, dass 1710 das bürgerliche Lesen noch in den Kinderschuhen steckte.

Das Statute of Anne sollte eigentlich die Autoren anregen, Bücher zu schreiben, indem es Ihnen ein besonderes Recht an Ihren Werken gewährte. Das geschah aber nicht.

Deutlich wird dies, wenn man die britische Entwicklung mit Deutschland vergleicht. Hier sehen wir zunächst einmal ein erstes Ansteigen der Zahl der Veröffentlichungen nach dem Siebenjährigen Krieg. Es war die Zeit, in der in Deutschland das bürgerliche Lesen begann. In Großbritannien hatte dieser Prozess einige Jahrzehnte früher begonnen. Diese Zeit wird in Deutschland typischerweise als das Nachdruckzeitalter beschrieben, weil kein Buch vor den Nachdruckern – Raubkopierern, wie man sie heute nennen würde – sicher war.

Wir können weiterhin die französische Besetzung ab 1805 bis 1815 erkennen, die sich als ein dauerhafter Rückgang darstellt. Ab dann sehen wir nochmals ein gewaltiges Anwachsen der Veröffentlichung bis zur Einführung des Urheberrechts. Dann wieder einen Rückgang, dessen Tiefpunkt die Revolution um 1848/49 darstellt. Pro Kopf – um einen Vergleich mit aktuelleren Zahlen zu ermöglichen – lag die Zahl der neu erschienenen Bücher 1843 nicht niedriger als 1970. Wenn wir das damals geringere Durchschnittsalter, die Einkommenssituation des Großteils der Bevölkerung, die Größe der Familien, die Lesefähigkeit etc. berücksichtigen, ließen sich noch andere statistisch bereinigte Vergleiche erstellen (etwa indem man berücksichtigt, dass es damals noch eine Alterspyramide gab, die Zahl der Familienmitglieder größer war, ein Großteil der Bevölkerung nicht die finanziellen Mittel zum Erwerb von Büchern hatte etc.

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Ein weiterer Punkt ist das Autorenhonorar. Das Autorenhonorar wird oft mit der – nennen wir es einmal – Produktivität der Autoren in Verbindung gebracht, vereinfacht: Ohne Honorar schreiben die Autoren nicht oder sie haben zumindest weniger Zeit, sich dem Schreiben zu widmen, weil sie auf andere Art ihr Auskommen verdienen müssen. Wie wirkte sich also das Nachdruckzeitalter auf die Autorenhonorare aus? Auch hier haben wir es mit einem erstaunlichen Ergebnis zu tun: Im Nachdruckzeitalter vervielfältigte sich das durchschnittliche Honorar und zwar auf eine Höhe, dass um 1790 bereits über die Masse der veröffentlichten Bücher geklagt wurde, die allein um des Honorares willen geschrieben wurde. Die Vorstellung von dem Autor, der aus Berufung schreibt und nicht, um sein Einkommen damit zu verdienen, beruht zu einem erheblichen Teil auf einer elitären Haltung einiger Schriftsteller, die ihren finanziell mäßigen Erfolg mit der besonderen Qualität ihrer Schriften ausgleichen wollten. Weil man mit dem Bücherschreiben Geld verdienen kann, so etwa Knigge um 1790, würde es auch so viele schlechte Bücher geben. Das durchschnittliche finanzielle Ergebnis für ein Werk machte einen Autor gewiss nicht reich, aber es war mehr als heute; jedenfalls so viel, dass ein rational und ökonomisch kalkulierender Mensch vor Beginn der Tätigkeit (im Vergleich zu den Alternativen) die zu erwartenden Einnahmen als hinreichend sichere Finanzierung seiner Lebenshaltungskosten akzeptierte. Und – auch hier wieder konsequent – das durchschnittliche Autorenhonorar ist mit der Einführung des Urheberrechts gesunken. Das Honorar in der urheberechtsfreien Zeit lag außerdem weit über dem durchschnittlichen Honorar der britischen Autoren, und das, obwohl sich dort viel weniger Autoren auf einem rechnerisch pro Kopf viel größeren und finanziell besser stehenden Markt verteilten.

Es sei hier noch angemerkt, dass die oft geäußerte Meinung, dies sei lediglich eine Frage der Verhandlungsmacht, die Autoren seien ja nicht gezwungen, derartig nachteilige Verträge abzuschließen, falsch ist. Der allgemeine Marktpreis überlagert die Verhandlungsmöglichkeiten nicht nur der Autoren, sondern genauso die der typischen Verleger. Diese sind heutzutage bei den typischen Büchern und deren Preisen nicht in der Lage, deutlich höhere Honorare zu bezahlen, weil der finanzielle Ertrag einer Schrift zu niedrig ist. Anders gesagt: Man kann nicht pauschal den Verlegern den Schwarzen Peter zuschieben, die angeblich ausbeuterische Verträge mit den Autoren vereinbaren. Ein großer Teil der Verleger ist -- wie die Autoren -- aus Interesse an der Literatur tätig.

Die ausgesprochen schlechte Entwicklung in Großbritannien hat sich über sehr langen Zeitraum als stabil rückläufig erwiesen. Hinzu kommt noch die Besonderheit, dass in Deutschland mit der Einführung des Urheberrechts sich die Lage der Autoren auch verschlechterte, also die Buchpreise stiegen, die Auflagen und die Honorare sanken. Wir können für die Zeit bis 1900 das Urheberrecht bestenfalls, also nur mit gutem Willen und viel Glauben an die Vorteile des Urheberrechts, als neutral oder wirkungslos – jedenfalls nicht als vorteilhaft – darstellen.

Aus einer rein wissenschaftlichen und abstrahierenden Sicht kann man hieraus die Schlussfolgerung ziehen, dass der in diesem Bereich als unantastbar geltende Glaubenssatz: Viel hilft viel, also ein immer stärkeres Urheberrecht nütze den Autoren mehr, jedenfalls so nicht richtig ist. Die wissenschaftliche Theorie von den Vorteilen des Urheberrechts lässt sich angesichts dieser Entwicklung nicht aufrecht erhalten, denn eine Theorie, der über einen längeren Zeitraum jede Entsprechung in der Wirklichkeit fehlt, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Es fehlt ihr das Gesetzesmäßige. Daraus folgt aber nicht, dass wir sofort in das Gegenteil verfallen und die Aufhebung jeglicher Regelung fordern sollten.

Jedoch gilt das Prinzip immer noch, obwohl wir heutzutage keinen Mangel an Neuerscheinungen zu haben scheinen. Dazu tragen in erheblichem Ausmaß die Autoren bei, die selten von ihren urheberrechtlich generierten Einnahmen leben können, mit anderen Tätigkeiten zu ihrem eigenen Mäzenen werden. Um einen Ausschnitt eines Interviews (Rheinische Post: http://www.rp-online.de/kultur/kunst/vom-schreiben-kann-ich-nicht-leben-1.2004405) mit Reinhard Jirgl, Büchnerpreis-Träger 2010, hier wiederzugeben:

Frage: Wie ist das für Sie, wenn man vom Schreiben plötzlich leben kann?

Jirgl: Das kann ich nicht.

Frage: Trotz all Ihrer Erfolge? Immerhin sind Sie Träger von bereits 13 namhaften Literaturauszeichnungen.

Jirgl: Das ist ein völliger Irrtum. Ich könnte nicht annähernd vom Verkauf meiner Bücher leben. Wovon ich lebe, das sind Stipendien, für die ich mich zum Teil bewerben muss – wie um eine Arbeitsstelle. Manchmal bekommt man sie, manchmal eben nicht.

Hierzu kann man auch den ganz großen Teil der wissenschaftlichen Veröffentlichungen zählen, bei denen der Verkauf der Bücher für die Autoren ebenfalls keinen nennenswerten Ertrag bringt.

Mit diesem kurzen Einblick in Vergangenheit möchte ich schließen (einige Zitate).